Das Herz wird nicht dement...

By Mrs Tia - Samstag, August 21, 2021

 

Ich glaube, dass mit Abstand der schwerste Blogeintrag den ich bisher geschrieben habe. Wie einige von euch mitbekommen haben, wurde mein Leben letztes Jahr komplett auf den Kopf gestellt. Man hat oft darüber gesprochen und hat sich versucht vorzubereiten aber letztendlich wurde ich gnadenlos davon überrollt.....

Ich kann mich noch genau daran erinnern, es war  Dienstag der 27.Oktober 2020, mein Dad lebte in der Wohnung über mir und ich bin gegen Abend hoch um zu schauen, ob alles okay ist. Ich drehte den Schlüssel im Schloss und betrat die Wohnung, mein Dad stand vorm Esstisch und wackelte leicht hin und her. Er stammelte zusammenhanglose Worte vor sich hin. Ob ihr mir glaubt oder nicht, ich habe direkt in der ersten Sekunde gesehen, dass was mit ihm nicht stimmt! Ich habe ihn dann gefragt wie es ihm geht und ob alles okay ist. Er konnte mir nicht darauf antworten. Wie von der Tarantel gestochen bin ich nach unten in meine Wohnung gerannt und habe den Notruf gewählt und habe dem Herrn am Ende der andere Leitung versucht klar zu machen, dass ich denke das mein Vater einen Schlaganfall hatte. Es dauerte auch nicht lange und der Rettungswagen kam Blaulicht die Straße hochgefahren, kurz danach kam noch ein Notarzt, der meinen Dad ( mittlerweile in eine Decke gehüllt) auf meiner Couch sitzend in Augenschein nahm. Ich kann euch gar nicht sagen, wie viel Angst ich in dem Moment hatte, es war schon schwer genug ihn so zu sehen, aber innerlich wusste ich das was überhaupt nicht stimmt. Es wurde ein kurzes Monitoring gemacht und dann haben sie ihn direkt mit in die Uniklinik nach Heidelberg genommen.  Nachdem der ich ein wenig zur Ruhe gekommen bin und der ganze Trubel vorbei war, bin ich im Wohnzimmer zusammen gesackt und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich glaube, ich habe mich noch nie so alleine im Leben gefühlt, wie in diesem Moment....

Am nächsten Tag bin ich sofort ins Krankenhaus gefahren und stand mit Herzklopfen vor der Überwachungsstation, auf die mein Dad am Abend noch verlegt wurde. Nach ca 30 min kam ein Pfleger und bat mich herein. Da  Corona die Welt zu dem Zeitpunkt noch ein wenig stärker im Griff hatte, musste ich Schutzkleidung anlegen und meine Hände gut desinfizieren. Wir gingen den Flur entlang und standen am Ende  vor einem Zimmer mit halb geöffneter Tür.. und da lag er - verkabelt und an unzählige Monitore angeschlossen. Mir liefen sofort die Tränen wieder in die Augen aber ich wollte nicht das er mich so sieht. Dieses mal musste ich einfach die stärkere von uns beiden sein, also setzte ich mich ans Bett und nahm seine Hand. Ich begrüße ihn wie immer mit '' Hey Papa, wie gehts dir denn?'' er drehte seinen Kopf zu mir , lächelte und sagte ganz trocken ''gut und dir?''

Einige Minuten später kam die Oberärztin rein, schloss die Tür hinter mir und begrüßte mich. Ich platze direkt mit der Frage raus was nun Diagnostiziert wurde und ob es wirklich ein Schlaganfall war. Sie sagte mir, dass die Zeichen alle dafür sprechen das es ein leichter Schlaganfall war aber es mir zu verdanken ist, dass ich so schnell reagiert habe. Als ich die Worte aus ihrem Mund gehört hatte, dass es tatsächlich ein Schlaganfall war, hat man mir den Boden unter den Füßen weggezogen und ich habe geweint wie ein kleines Kind. Die Ärztin kam mir entgegen und hat mich versucht zu trösten, nachdem ich mich wieder ein wenig gesammelt hatte, verließ sie das Zimmer und ich war mit meinem Dad wieder alleine.

Das war also der Tag X vor dem ich wirklich Angst hatte, die Situation die ich so oft im Kopf durchgegangen bin. Das Szenario auf dass ich mich versucht habe vorzubereiten! Leider ohne Erfolg. 

Ich kann mich noch gut erinnern wie ich an diesem Herbstabend in Heidelberg durch die Innenstadt gelaufen bin und das Gefühlt hatte, ich habe kein Zuhause mehr. Was ist wenn er daran sterben sollte, wo soll ich hingehen? Wer ist da noch? Da ist dann niemand mehr! Ich bin alleine! Ein Weinkrampf kam nach dem anderen und ich habe mich auf dem Weg zur Bushaltestelle versucht zusammen zureisen. Zuhause angekommen habe ich mich erstmal in mein Bett geschmissen und habe versucht gegen den Schmerz anzuschlafen....

Ende November kam mein Dad endlich nach Hause. In der Zwischenzeit hatte ich sein Bett und seine Sache nach unten in die Wohnung geräumt und habe mich wie ein kleines Kind darauf gefreut ihn endlich wieder um mich zu haben. Er hat sich Gott sei Dank gut von seinem Schlaganfall erholt, leider gab es einem enormen Demenzschub dadurch und seitdem ist er auf Hilfe angewiesen. Ich habe keine Sekunde überlegen müssen ob ich das mache oder nicht! Ich bin seine Tochter und dass ist das mindeste was ich tun kann. Er war ein ganzes Leben lang für mich da. Ich erledige mittlerweile alles für ihn, von Papierkram bis hin zu den Finanzen, Einkäufen etc. Morgens wird er geweckt bevor der Pflegedienst kommt und Mittags wird er bekocht von mir. Auch wenn es mittlerweile 11 Monate her ist, es ist immer noch schwer und wir müssen uns beide noch an die Situation gewöhnen, aber ich bin trotzdem froh das er mit einem riesig blauen Auge davon gekommen ist und wir machen das beste daraus. Auch wenn es sich vielleicht für den ein oder anderen komisch anhören mag, dass was ich gerade habe ist Glück! Ihn einfach nur in der Küche ein wenig rumwerkeln zu hören ist Glück und Zufriedenheit! Auch wenn er Nachts den Weg von der Toilette nicht mehr zurück in sein Bett findet, verwirrt vor mir steht und ich an der Hand nehme und zurück ins Bett bringe und zudecke. Das ist Glück!  Ich wünsche mir nicht viel im Leben, außer noch ein paar Jahre mit meinem Dad und zwar genauso wie es jetzt ist. Mehr möchte ich nicht.  Er und meine Mutter waren die 2 Menschen, die so viel Liebe in sich getragen haben 

dass sie damit die ganze restliche Welt hätten versorgen können. Leider habe ich sie viel zu früh verloren und mein Vater hatte in dieser Zeit schwer zu kämpfen. Sie war seine größte Liebe und sein ganzes Herz. Jetzt liegt es an mir, ihm die letzten Jahren so schön wie möglich zu gestalten damit er glücklich zu ihr gelangen kann, wenn es so weit ist. 

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